Start / Die Plantage des Monsieur Lafontaine – Leseprobe aus Schneefeuerball

Die Plantage des Monsieur Lafontaine – Leseprobe aus Schneefeuerball

„Sein Gefieder? In der Grundfarbe grün. Es ist übrigens genau das Grün von deiner Skihose. Die ist vielleicht mittlerweile etwas schmutzig, aber im Grunde ist es das gleiche leuchtende Neongrün!“

Sie waren wieder im Hotel, und wieder hatte er sich in das Laken eingerollt und sein Kopf lag auf Leons Brust. Etliche Minuten, fast eine Dreiviertelstunde hatte es gedauert, bis sie beide zu der Vertrautheit der gestrigen Nacht zurückgefunden hatten. Als sie vom Regen durchnässt in ihrem Hotelzimmer eingetroffen waren, hatte sich Leon aus den feuchten Sachen geschält und war ins Bad gegangen. Als Leon fertig war, hatte Lukas seinerseits geduscht. Als er wieder in ihr Zimmer kam, lag Leon im weißen Hotelbademantel auf dem Bett und spielte mit der Fernbedienung.

Es war keine 24 Stunden her, dass sie in die Geschichte von Jack eingetaucht waren – von diesem Bett aus waren sie aufgebrochen und in das kalte Meerwasser des Atlantik gesprungen, vor sich die nicht mehr fernen Lichter von New York. Heute Morgen hatte er sich nicht mehr vorstellen können, in seine alte Welt zurückzukehren, und das neue Ziel schien schon zum Greifen nah. Man musste die Dinge, die man tun wollte, nur einfach tun. Doch so, wie Leon dort durch die Kanäle zappte, wirkte es nun wie ein ganz normales Zimmer. Wenn er jetzt nicht aufpasste, würden sie gleich irgendeinem Film folgen und dabei eindösen – und ehe er es sich versah, würde diese zweite Nacht in diesem magischen Ort vorüber sein, und damit seine vielleicht letzte Gelegenheit, den Schlüssel zum Aufbruch zu finden. Er zog das Laken enger um seinen Körper, zog die Knie an und kuschelte sich in den Arm von Leon.

„Erzähl mir was.“

Leon legte die Fernbedienung auf den Nachttisch und strich ihm mit der Hand leicht über den Kopf.

 „Erzähl mir was, bitte …“Er sagte es nochmals leise zu der flachen Wölbung von Leons Brust, als könnte er die Aufforderung dort einpflanzen.

„Eine neue Geschichte? Ist es das, was du möchtest?“

„Ja…“

„Dachtest du an etwas Bestimmtes?“

„Wie gestern.“

„Hm. Aber sollten wir nicht etwas abwechseln? Sie könnte an einem Ort spielen, an dem du noch nie warst. Wie wäre es mit Brasilien? Warst du schon einmal dort?“

Was hatte Leon gesagt, als sie in der Ausstellung gewesen waren? Er hatte sich einen lichtdurchfluteten Tropenwald gewünscht – nein, er war noch nie dort gewesen.

„Okay! Brasilien.“

„Gut, dann lass mich einen Moment überlegen…“

Leon hatte die Augen geschlossen und hatte dann angefangen zu erzählen.

„Sie waren alle unglaublich schön. All die Papageien der Voliere, die Monsieur Lafontaine hielt. Er war mittlerweile wohl schon ein Experte auf diesem Gebiet. Nirgendwo in Manaus noch in ganz Brasilien und möglicherweise nirgendwo auf der Welt gab es eine Voliere mit einem solch reichen Bestand an farbenprächtigen, seltenen und schönen Papageien. Das sagten auch jene, die noch nie in ihrem Leben über die Stadtgrenzen von Manaus hinausgekommen waren. So waren alle auch ein bisschen stolz auf jene Voliere hinter der Plantage. Es war eine schöne Plantage: mit ihren klassizistischen, weißen Säulen, auf denen am frühen Abend das blaue Licht des tropischen Urwalds spielte. Diese Plantage hatten vor ihm schon seine Eltern besessen und nun gehörte sie ihm, Pierre Gavin Lafontaine. Pierre war der Wunschname seines Vaters gewesen und Gavin der Namenswunsch seiner Mutter. Er besaß noch weitere Vornamen: Yves, denn das war der Name seines Großvaters mütterlicherseits und Fabrice, das war sein Urgroßvater väterlicherseits; des weiteren Aurel und schließlich Jermaine, alles Namen aus dem ferneren Stammbaum. Wie du dir schon denken kannst, war Pierre Gavin das einzige Kind seiner Eltern und Erbe eines beträchtlichen Vermögens – das bislang letzte Glied aus zwei weit zurückreichenden Linien. Kurz, die Namensfrage, in die sich beide Familien eingemischt hatten, hatte etliche Zeit in Anspruch genommen und schließlich mit diesem sybillinischen Kompromiss geendet. Aber in Manaus kannten ihn alle nur als Monsieur Lafontaine.

Später soll sein Papageienbestand noch größer gewesen sein, nämlich in Form jener zweiten Voliere, die er in dem parkähnlichen Garten seiner weißen Villa anlegen ließ, die er am Stadtrand von Petropolis baute. Das Haus selbst, das natürlich wieder ein großzügiges Säulenportal aufwies, muss auf die Passanten, die am Stadtkanal flanierten, schon von weitem beachtlichen Eindruck gemacht haben. ‚Dort wohnt Monsieur Lafontaine! ’, sagten sie zu ihren Kindern und versuchten beim Vorübergehen, aus den Augenwinkeln wenigstens einen kurzen Einblick in das Leben, das dort stattfand, zu erhaschen – wobei sie freilich nach außen stets Contenance bewahrten, indem sie Gleichgültigkeit vorschützten. Die Damen zupften an ihren Hüten, griffen die Hand ihrer Sprösslinge fester und beschleunigten wieder den Schritt, kaum, dass sie das schmiedeeiserne Gitter passiert hatten; schließlich wohnte man selbst auch durchaus stattlich. Zu der Zeit, in der unsere Geschichte spielt, bauten sich viele Leute von Rang in Petropolis vornehme Häuser, die sich sehen lassen konnten.

Noch mehr als die Villa weckte aber jener Garten die Neugierde aller Petropolitaner, der uneinsehbar auf der Rückseite, in den Urwald hinein, angelegt war und der so weitläufig, farbenfroh und voller Vogelgezwitscher gewesen sein muss, dass er dank einiger Zeichnungen, die in Petropolis kursierten, und der Berichte jener, die dort zu Gast gewesen waren, sogar den Neid der kaiserlichen Familie von Pedro II. hervorgerufen haben soll.“

„Wo ist dieses Petropolis, und wer war jener Pedro II.?“, murmelte Lukas.

„Petropolis liegt etwa eine Wegstunde nördlich von Rio entfernt, hoch in den Bergen. Es ist eine Stadt, die Anfang des 19. Jahrhunderts von Einwanderern – insbesondere aus Tirol – gegründet wurde.“

Vielleicht war ja ein wandernder Vorfahr unter den Stadtgründern gewesen, dachte er. Einer, der über mehrere Generationen hinweg Vorbild für seine Neffen und Urgroßneffen gewesen war. Möglicherweise lebten dort jetzt Nachfahren – Verwandte, die er nicht kannte, aber die es gab.

„Um 1840 herum ließ dann der brasilianische Kaiser Pedro II. in Petropolis seine Sommerresidenz errichten. Du musst dir die Stadt ein bisschen so vorstellen wie ein Bad Ischl im Regenwald … “ Leon ließ den Blick aus dem Fenster schweifen, hinaus in den Nachthimmel. „Und während in Bad Ischl Hände über dem Kopf zusammengeschlagen wurden, weil man sich die Braut des Kaisers so ganz anders vorgestellt hatte, wurde in Brasilien gerade ein Vermögen gemacht. Mit Kautschuk! Und Monsieur Lafontaine war einer von jenen, die dieser weiße Saft reich machte. Man kann sagen: märchenhaft reich. Wer ihre Rinde anschnitt und Eimer um den Baumstamm band, badete bald in purem Gold. Dann baute man sich natürlich ein schönes Haus in Petropolis, dieser idyllischen, kleinen Residenzstadt, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Pedro II. und dem ganzen damaligen brasilianischen Hof …“

„Aber Manaus – das liegt doch in Amazonien?“

„Ja, die Kautschukbäume stehen in den Regenwäldern Amazoniens. Dort, wo die Flüsse zusammenfließen – der Amazonas und der Rio Negro. Dort hatte sie gelegen, die Plantage des Monsieur Lafontaine, und dort lenkte der Harz in aller Gemächlichkeit einen nicht enden wollenden Strom aus Geld in seine Taschen. Sobald er in Eimern aufgefangen war, wurde er in einer eigenen Manufaktur, die Monsieur Lafontaine hatte bauen lassen, eingedickt. Von dort wurde er sodann über Großhändler nach Nordamerika und Europa exportiert, wo man Regenmäntel, Fahrrad- und später Autoreifen daraus herstellte. Vor allem aber verkaufte Monsieur Lafontaine den Kautschuk nach Frankreich, wo man damit Gummistiefel produzierte. “

„Im Ernst, Gummistiefel?“

„Natürlich! Gummistiefel gibt es seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Da entdeckte ein Engländer, dass Kautschuk elastisch wird, wenn man ihn mit Schwefel und Ruß vermischt. Der erhitzte Kautschuk vulkanisiert und klebt nicht mehr. Gummistiefel fanden reißenden Absatz, zumal auf dem Land. Vorher hatte man dort Holzschuhe getragen, was kein Vergnügen war, vor allem im Winter. Gute Gummistiefel werden übrigens noch heute aus Naturkautschuk hergestellt.“

„Weiter”, murmelte Lukas. Alles war miteinander vernetzt, Bad Ischl und Petropolis, der brasilianische Kautschuk und die in der Diele tropfenden Gummistiefel. In Leons Geschichten war die Erde immer rund wie ein Schneeball, der rollte und mit jeder Wendung größer wurde.

„Monsieur Lafontaine war wohl eine Ausnahme unter den Kautschukbaronen. Er verdiente gut an dem Kautschuk, aber eigentlich verachtete er das Geld, das er ihm verdankte, ein wenig. Er liebte den Kautschuk dafür, dass er es ihm ermöglichte, ein kleines Paradies zu schaffen. Ein Stück französisches Savoir Vivre inmitten der üppigen brasilianischen Natur! Nirgendwo sonst hätte er leben wollen. Ab und zu vermisste er das Land seiner Kindheit, wenn der Lavendel die Provence violett färbte und seine Mutter in dem Salon seines Elternhauses Klavier gespielt hatte, während der Lavendelduft durch die geöffneten Flügeltüren hineingeweht war. Aber man konnte auch in Brasilien musizieren! Monsieur Lafontaine liebte Musik, wie übrigens auch die brasilianische Kaiserfamilie. Ihre Konzerte im Ballsaal von Petropolis standen denen in Paris und Wien in nichts nach. Seine Söhne ließ Pedro II. die Geige erlernen und bei Monsieur Lafontaine klang aus den geöffneten Flügeltüren Klaviermusik in den Garten, die es Monsieur Lafontaine in Erinnerung an seine Kindheit besonders angetan hatte. Er selbst war es dann, der spielte, und gelegentlich lud er sich Gäste zu Musikabenden ein. Später, als Jérémy das Haus unter seine Fittiche genommen hatte und Monsieur Lafontaine und er ihre berühmten Bälle gaben – zunächst auf der Plantage in Manaus, und später dann in jener Villa in Petropolis -, galten diese als der Inbegriff europäischer Etikette. Der Salon von Monsieur Lafontaine war auch in weiterer Hinsicht musisch; er galt als einer der belesensten und bestinformierten Zirkel von Südamerika, und so war beispielsweise die kleine Bibliothek von Monsieur Lafontaine, in der die Werke der griechischen Philosophen aber auch die Autoren der Neuzeit vertreten waren, weit über Manaus und Petropolis hinaus bekannt.“

Leon machte eine kurze Pause und Lukas grübelte, ob er etwas verpasst hatte. Leon hatte einen Jérémy erwähnt, von dem aber noch gar nicht die Rede gewesen war.

„Monsieur Lafontaine war freilich Franzose durch und durch und so kam auch bei ihm das Thema Küche nicht zu kurz. Zu den Zeiten, als er die Plantage in Manaus bewirtschaftete, soll sie die beste am Rio Negro gewesen sein. Monsieur Lafontaine war aber nicht nur Gourmet, sondern bei den von ihm veranstalteten Diners auch immer nach der Mode der Zeit gekleidet. Er galt als ein solcher Ästhet, dass Frauen, so hieß es, es vorzogen, sich zu verschulden, als bei ihm in einer Garderobe zu erscheinen, die womöglich nicht mehr auf der Höhe der Zeit war. Dabei war Monsieur Lafontaine gegenüber seinen Gästen die Liebenswürdigkeit in Person. Aber das war es ja gerade. Niemand brachte es über sich – schon gar nicht die Frauen -, ihn zu enttäuschen. Und die heiße Schokolade, der Kaffee und die Zigarren, die er reichen ließ, waren der Maßstab, dem später die Köche und Haushofmeister der kaiserlichen Residenz von Pedro II. in Petropolis verpflichtet wurden. ‚Wie beim Lafontaine!’, soll der Kaiser gerufen haben. ‚Ich will’s so haben wie beim Lafontaine!’ Wobei zu dieser Zeit natürlich auch Jérémy schon lange seinen Anteil daran hatte, dass dies in Petropolis zum geflügelten Wort wurde.“

„Du hast ihn eben schon erwähnt, diesen Jérémy. Wer war er denn?“

„Jérémy? O Jérémy war jung. Als er Monsieur Lafontaine kennen lernte, wird er um die sechzehn gewesen sein. Hochgewachsen; ein wirklich schöner Junge. Diese geschmeidigen Bewegungen, wie ein Tänzer! Alles an ihm war angeborene Anmut. Das war natürlich einer der Gründe, weshalb ihn Monsieur Lafontaine dauerhaft auf die Plantage holte, als die Sache mit Jérémys Vater passierte.“

„Erzähl”, flüsterte Lukas.

„Nun, Jérémy war der Sohn eines lokalen Händlers. Aber nicht alle Kautschukhändler waren damals reich; im Gegenteil, die kleinen, so auch der Vater von Jérémy, waren arm. Dazu musst du wissen: Die Großhändler gaben den lokalen Händlern Vorschüsse, die sie dann mit entsprechenden Mengen an Kautschuk abzugelten hatten. Und die Händler praktizieren ihrerseits die gleiche Methode, indem sie den Kautschuksammlern Geld vorstreckten. So wurden die Kautschuksammler zu Schuldnern der Händler, und diese zu Schuldnern der Großhändler. Wie jedes System, das Abhängigkeiten schafft, funktionierte auch dieses wunderbar für die, die ganz oben saßen. Große Reichtümer beinhalten eben immer auch eine Kehrseite der Medaille; und diese Abhängigkeiten waren nicht die einzige. Die Kautschukbarone statteten Eingeborene auch mit Waffen aus, damit sie Angehörige verfeindeter Stämme gefangen nahmen, die dann zu Zwangsarbeitern wurden. Jérémy hat in jungen Jahren all das kennen gelernt und wusste, was ihm bevorstand – ein ziemlich elender Kreislauf. Auf der Treppe, die zu den paradiesischen Vermögen der Kautschukbarone führte, saß er weit unten.“

„Also war Monsieur Lafontaine kein guter Mann”, murmelte Lukas.

„Das würde ich nicht sagen. Er behandelte seine Leute gut, aber natürlich war auch er kein Heiliger – ein Rad im Getriebe seiner Zeit. Brasilien, der Kautschuk und die Epoche, in der er lebte: Alle wiesen ihm eine Rolle zu, und er spielte sie. Heute kommen die Gummistiefel aus China. Sag du mir, ob das so viel besser ist.“

„Weiter”, murmelte Lukas. „Erzähle von der Sache mit Jérémys Vater.“

„Er fiel einer der großen Seuchen zum Opfer, die damals viele unter den Einwanderern und Eingeborenen gleichermaßen dahinrafften. Aber dies wäre eine Geschichte für sich … Bleiben wir also bei Jérémy! Als sein Vater starb, war er, wie erzählt, erst sechzehn. Sein Vater hatte viele Schulden gemacht und die Lage der Familie war verzweifelt. Wer sollte nun pünktlich die großen Mengen Kautschuk liefern, die er hatte versprechen müssen? So kam die Sache Monsieur Lafontaine zu Ohren, und er ordnete an, man solle die Familie jenes verstorbenen Kautschukhändlers und ihren Gläubiger, den Großhändler, zu ihm bringen; er werde die Dinge schlichten. Das war auf den damaligen Plantagen so üblich, dass die Plantagenbesitzer in ihren Angelegenheiten selbst Recht sprachen, denn Manaus war eine abgelegene Region am Amazonas. So kam es zu jenem Morgen, als sich sowohl der Großhändler als auch Jérémy, dessen Mutter und seine Geschwister bei Monsieur Lafontaine auf der Veranda einfanden, auf der Monsieur Lafontaine die Sitzmöbel hufeisenförmig hatte anordnen lassen, so dass er in der Mitte und die Parteien zu seinen Seiten Platz fanden.

Der Großhändler war ein dicker, großer Mann, der beständig schnaufte. Seine schwitzende Hand spielte unablässig mit einer goldenen Taschenuhr, die er sich aus Europa besorgt hatte und auf die er sehr stolz war. Ständig vergewisserte er sich der Uhrzeit und niemandem blieb so verborgen, dass er gewillt war, den Tag gewinnbringend zu nutzen. Ganz anders Jérémy, der feingliedrig und bescheiden mit seiner glatten cappuccinobraunen Haut auf jener einfachen Holzbank saß und seine braunen Augen über die Veranda gleiten ließ.

Denn während Monsieur Lafontaine seine Fragen stellte, klang von der nahen Voliere Vogelgezwitscher herüber. An der besonnenen Art des Jungen, in der dieser ihm antworte, erkannte Monsieur Lafontaine sofort, dass in ihm mehr steckte. Es wäre ein Jammer gewesen, ihn in die Welt der Kautschukhändler zurückzuschicken. Außerdem konnte sich Monsieur Lafontaine nach jener kurzen halben Stunde, in der er diesen schönen Jungen mit federnden Schritten seine Terrasse hatte betreten sehen und seinen Antworten gelauscht hatte, nicht mehr vorstellen, wie ein Tag vernünftig vorübergehen sollte, an dem er Jérémy nicht würde sehen können. Kurzerhand kauft er dem Großhändler die Schulden von Jérémys Vater ab, erließ der Familie ihre Lieferverpflichtung und holte Jérémy als Hausbediensteten und Assistenten für den Betrieb der Kautschukmanufaktur zu sich ins Haus. Von da an begann Jérémys steiler Aufstieg.“

Leon machte eine Pause.

Lukas stellte ihn sich vor, diesen sechzehnjährigen, feingliedrigen, hochgewachsenen Jérémy mit der glatten Haut einheimischer Brasilianer, wie er von der dank der Überdachung kühlen Veranda zurück in die tropische Hitze des Gartens trat. Er stellte sich vor, wie Jérémy sein Glück kaum fassen konnte. Was hatte jener Plantagenbesitzer eben gesagt? Die Schulden seien ihnen erlassen und er solle sich morgen bei ihm melden zwecks Einweisung in neue Aufgaben, die er für ihn habe? Er glaubte zu fühlen, wie jenem Jérémy zumute gewesen sein musste – dass in dieser Minute sein Schicksal neu geschrieben und wahr wurde, wovon er geträumt hatte. Ein Aufbruch in ein neues Leben!

„Als Jérémy an jenem späten Vormittag die Plantage von Monsieur Lafontaine verließ – aber nur, um seine Sachen zu holen, um sich am nächsten Morgen hier wieder zu melden –, kam Jérémy auch zum ersten Mal an der Voliere von Monsieur Lafontaine vorbei. Und so unglaublich bereits war, was ihm eben widerfahren war: Für das, was er hier sah, fand er keine Worte. Was seine Augen erblickten, war das Paradies! Lauter kleine, schwarze, lebendig blitzende Augenpaare funkelten ihn an. Sie plusterten sich und bewegten ihre Flügel, so dass die gelben, grasgrünen, olivgrünen, zinnoberroten und kobaltblauen Federn und Federspitzen einen einzigen Regenbogen bildeten. Ja, es war in diesem Moment, dass er sie zum ersten Mal sah. Die Papageien von Monsieur Lafontaine!

Was die Papageien gedacht haben, als sie zum ersten Mal Jérémy gesehen haben, wissen wir nicht, aber Papageien sind hochintelligente Tiere und haben keine Scheu vor dem Menschen. Sie beobachteten ihn aufmerksam. Vielleicht lauschten sie auch dem sanften Klang seiner Stimme, als er zu ihnen sprach. Ich denke, dass Jérémy und die Vögel in diesem Moment so sehr von der Aufmerksamkeit füreinander gefangen genommen waren, dass sie die übrige Welt um sich herum augenblicklich vergessen haben. Lange hat er dort gestanden und sie betrachtet. ‚Wie schön ihr seid’, sagte er. ‚Ihr malt das Leben in den Farben des Regenbogens – wie über dem Rio Negro, nach einem Gewitter.’ Vielleicht haben die Papageien da schon gespürt, dass sie in Jérémy einen wahren Freund finden würden.

Schon am nächsten Tag ließ es sich Jérémy nicht entgehen, in der ersten sich ihm bietenden Pause im Laufschritt zur Voliere zu eilen.

Von nun an war er oft an ihren feinmaschigen, straff gespannten Netzen zu finden. Monsieur Lafontaine, dem dies nicht entging, gestattete ihm bald den Zutritt zu den Vögeln. Und nach nur wenigen Wochen nach jenem denkwürdigen Gerichtsvormittag, der auf der Veranda der Plantage stattgefunden hatte, ließen die Vögel es zu, dass Jérémy ihnen mit dem Finger über ihre langen, schillernden Schwanzfedern strich. Sie rührten sich dann nicht von Stelle.“

Leon machte eine Pause und strich mit einem Finger die Wirbelsäule von Lukas unterhalb des Lakens entlang.

Was hatten die Vögel wohl gefühlt, dachte Lukas. Sie waren nicht weggeflogen; womöglich hatten sie diesen streichelnden Finger und die Nähe dieser Hand sogar gesucht.

„In der Manufaktur wurde Jérémy mit ihren Abläufen vertraut gemacht; ihm oblag sodann die Vorbereitung des Exports. Jérémy nahm, wie erwähnt, aber auch Aufgaben im Haus wahr und zeigte sich darin sehr geschickt. Als Jérémy bei Monsieur Lafontaines Diners als Maître de Table fungierte, war er gerade erst achtzehn”, fuhr Leon fort. „Monsieur Lafontaine liebte Porzellan und besaß ein riesiges Geschirr schönsten Sèvres, das eine große Menge an Vogelmotiven trug. Jérémy kannte alle diese Motive von seiner Arbeit auswendig. Intuitiv wusste er, wie man die Teller zu drehen hatte und der Tischschmuck zu decken war, damit die Motive bestens zur Geltung kamen. Bald fing er in seiner Freizeit an zu zeichnen. Zunächst zeichnete er die europäischen Vögel nach, die er von den Tellern, Tassen, Kerzenhaltern und Servierplatten kannte. Aber dies war nur ein Vorspiel. Sobald er darin Sicherheit erlangt hatte, sah man ihn in seinen Pausen mit einem Zeichenblock bei der Voliere, wo er nun anfing, seine Papageien genauestens zu studieren und zu zeichnen. Er war darin über alle Maße begabt, und da die Voliere von Monsieur Lafontaine einen der größten zoologischen Bestände tropischer Vögel der damaligen Welt bildete, wurden seine Papageien-Zeichenblätter später noch sehr berühmt. Sie wecken übrigens bis heute das wissenschaftliche Interesse, zumal in Bezug auf Papageien, die mittlerweile als ausgestorben gelten … Aber ich greife vor.

Zu der Zeit, zu der wir ihn, Jérémy, näher kennen lernen, war er also gerade mal achtzehn oder bald Anfang zwanzig: ein begabter junger Mann, der freilich nur wenigen Menschen bekannt war. Das Umfeld, auf das sich seine Tätigkeiten bezogen, waren die Manufaktur und das Haus. Das änderte sich“, fuhr Leon fort, „als Monsieur Lafontaine ihn fragte, ob er Lust habe, für ihn einen Ball zu organisieren. Da war Jérémy dreiundzwanzig, also nur um ein Weniges jünger als du. Parallel übertrug ihm Monsieur Lafontaine zu diesem Zeitpunkt die Generalaufsicht über die Kautschukmanufaktur. Zunächst ließ er sich von Jérémy noch genau berichten, aber als er feststellte, dass er Jérémy alles beigebracht hatte, was dieser wissen musste, und Jérémy seiner Aufgabe mit größter Sorgfalt und Energie nachkam, ließ Monsieur Lafontaine Jérémy gewähren und wünschte, nur noch informiert zu sein, wenn es zu besonderen Geschäftsvorfällen kam.

In dieser neuen Funktion, als Leiter der Manufaktur, fing Manaus an, von Jérémy Notiz zu nehmen. Dies waren die Geschäftsleute – damals alles Männer. Die Frauen von Manaus aber entdeckten Jérémy auf jenem ersten Ball, den er veranstaltete. Er widmete sich allen Details mit Hingabe – und hatte ein Gespür dafür, was zu einem gelungenen Abend dazu gehörte. Und das war nicht wenig. Beispielsweise wünschte Monsieur Lafontaine für diesen Abend frische Blumen im ganzen Gebäude, und insbesondere an den Geländern und Pilastern im kolonialen Treppenhaus wurden kunstvoll aufeinander abgestimmte, in allen Regenbogenfarben leuchtende Sträuße gebunden. Wie Monsieur Lafontaine war auch Jérémy ein geborener Ästhet und er überließ nichts dem Zufall. So glänzte an jenem Abend das festlich erleuchtete Haus mit den schönsten Gräsern und Blüten, die sich denken lassen!“

„Wie in der Staatsoper in Wien”, murmelte Lukas.

Der Schneeball von Leons Geschichten war mittlerweile schon wieder größer geworden und nun von Bad Ischl nach Wien gerollt.

„Ja, ein bisschen wird die Plantage an jenem Abend tatsächlich so ausgeschaut haben wie die Wiener Staatsoper, wenn sie sich zum Opernball putzt; nur, dass der Ballsaal der Plantage natürlich viel kleiner war. Aber ihre tropischen Blumen müssen eine unvergleichliche Farbenpracht gewesen sein! Selbst zur damaligen Zeit, als man in Manaus nur vor eine Haustür zu gehen brauchte, um mitten im Urwald zu stehen, galten Jérémys Blumenarrangements als legendär. Freilich hatte ihr baldiger Ruhm noch einen weiteren Grund.“

„Welchen?“

„Nun, wer Augen hatte zu sehen, der sah! Jérémy liebte Farben und er liebte, wie erwähnt, seine Papageien. Kurzum, Jérémy hatte mit seinen Blumenarrangements das Federnkleid eines seiner Papageien nachempfunden.

Zu diesem Zeitpunkt machten seine ersten Zeichnungen die Runde, und die Gäste, namentlich natürlich die Frauen, die ihre Blicke kaum vom schönen Jérémy abwenden konnten, rätselten natürlich, welcher Papagei es war, der die Vorlage für das Blumenarrangement abgegeben hatte. So tanzte das Haus sozusagen auf dem Rücken des Regenbogens.“

„Hat auch er getanzt, auf diesen Bällen?“, murmelte Lukas.

„Jérémy? Aber natürlich! Er war der geborene Tänzer! Er war anmutig wie kein zweiter und alle Schritte, die Monsieur Lafontaine ihm beibrachte, beherrschte er vom ersten Moment an, ohne sie ein zweites Mal sehen, geschweige denn üben zu müssen. Die Anmut, mit der er sich beim Walzer drehte, dürfte an einen guten Skiläufer erinnern – solch einer schwingt, ohne nachzudenken, und verschmilzt mit dem Boden auf eine ganz natürliche Weise. Und so schienen auch Jérémys Füße stets einen Zentimeter über dem Parkett zu schweben. Es war, als ob seine Zehen ihn nur fliegend berührten! Es ist eben angeboren – denke nur an den Karneval in Rio. Wenn jemand auf dieser Welt tanzen kann, so sind es die Brasilianer!“

„Das muss schön ausgesehen haben”, murmelte Lukas.

„Oh du sagst es! Jérémy tanzen zu sehen, war ein Erlebnis! Die Frauen konnten, wie gesagt, ihre Augen kaum von ihm abwenden. Dieser schlanke, anmutige Mann mit seinem strahlenden Lächeln: Sie sahen, wie Rock und Hose seine verführerische Erscheinung eng umschlossen, so dass man die Kontur jeden Zentimeters seines Oberkörpers nachzeichnen konnte, wenn er ihn beim Walzer zurückbog, während er sich weiter drehte – schneller und schneller, die Partnerin stets leicht und sicher führend; sie schauten auf seine behänden, langen Beine, die eine ganze Nacht am Stück tanzen konnten, ohne je zu ermüden – und sie konnten nicht genug davon bekommen. Auch nicht davon, wie dieser junge Mann, der sich so deutlich von allen übrigen Tänzern abhob, mit dem Blumenschmuck an den Säulen verschmolz.“

„Wie meinst du das?“

„Nun, unser Jérémy wusste sich eins mit seinen Vögeln. Sie hatten ihn zu den Blumen für den Abend inspiriert. Und so verschmolz er mit ihren Farben … Denn bei jenem ersten Ball, den er für Monsieur Lafontaine organisierte, hatte er leuchtend grüne Gräser mit stattlichen roten Blüten kombiniert, und einige kleinere, zarte blautürkise Blüten waren auch dabei. Und was trug er selbst? Einen leuchtend grünen Rock, den er sich aus französischer Seide hatte nähen lassen. Der Rock besaß rote Aufschläge, und namentlich am Rücken war der Kragen mit einer zarten Bordüre abgesetzt – einem Umschlag aus türkisblauem Taft. Die Hände, die aus dem Rock hervorschauten, besaßen das sanfte helle Braun, das leicht ins Olivgelbe spielt, brasilianischer Haut. Nun hast du sicher eine Ahnung, warum…“

„Ein Rock in den Farben des Papageis, der für den Blumenschmuck Pate gestanden hatte! Was für ein Papagei war es?“

„Der kleine Soldaten-Ara! Jener Vogel in der Voliere, den er zuallererst gezeichnet hatte.“

„Soldaten-was?“

„Soldaten-Ara. Er gehört zur Familie der Ara; die Ara sind eine bekannte Papageienart.“

„Wie sieht er aus?“

„Sein Gefieder? In der Grundfarbe grün. Es ist übrigens genau das Grün von deiner Skihose. Die ist vielleicht mittlerweile etwas schmutzig, aber im Grunde ist es das gleiche leuchtende Neongrün! Die Stirn und Zügel des Soldaten-Aras sind rot, und am Hinterkopf sind die Federn blau verwaschen. Die Flügel- und Schwanzunterseiten sind olivgelb; er ist also ein sehr farbenfroher Vogel.“

Lukas musste grinsen und vergrub seine Lippen tiefer in Leons Brust. Leons Schneeballgeschichte hatte mittlerweile den Wiener Ring erreicht. „Dann hat er also ein bisschen so ausgeschaut wie die Jungs auf der Regenbogenparade”, murmelte er.

Leon lachte. „Ja, ich glaube, dein Vergleich ist durchaus treffend! Die Frauen“, fuhr Leon fort, „die auf der Plantage des Monsieur Lafontaine gearbeitet haben – und sie waren nicht wenige, denn es war eine große Plantage -, haben damals einander bestätigt, dass Jérémy ein Wunder sei – ein Wunder, das ihnen der Himmel geschenkt haben musste, da es ihnen geradewegs aus dem Paradies zugeflogen war. Wie selten ist es, dass Sanftmut, Klugheit und Heiterkeit mit einer solchen auch äußerlichen Schönheit einhergehen – ein Mann, so schön, wenn nicht noch schöner als ihre Vögel auf der Plantage! Es wundert nicht, dass Jérémy in seinen ersten Jahren auf die Menschen tatsächlich wie einer dieser Paradiesvögel gewirkt haben muss. Übrigens hat er auch Monsieur Lafontaine mit seinem Auftritt beim Ball überrascht. Wie dieser schmunzeln musste, als er sah, wie Jérémy in seinem grünen Rock mit dem roten Kragen die geschwungene Treppe in schnell federnden Schritten hinuntersprang! Ja, Jérémy brachte Farbe in sein Haus und ließ alle Augen leuchten – die seiner Gäste, und die von Monsieur Lafontaine natürlich auch!

Natürlich erscheint uns heute, in einer Welt, in der alle graue Anzüge tragen, ein Mann in einem grünen Rock etwas gewagt. Man könnte meinen, Jérémy habe die geladenen Herrschaften mit solchen Extravaganzen provoziert. Aber denke nur an den Life Ball oder die Wiener Regenbogenparade, die du eben erwähnt hast; beide erfreuen sich doch großer Beliebtheit! Manaus empfand da nicht anders. Und schließlich lebte man am Amazonas! Wenn es einen Ort gibt, an dem der Regenbogen zuhause ist, so ist es dort …

So ließ auch Monsieur Lafontaine Jérémy gern gewähren. Er dachte daran, dass Mozart, dessen Klavierkonzerte er besonders liebte, in Wien damals die verrücktesten barocken Perücken getragen hatte, die sich nur denken ließen …

Kurzum, sie alle haben Jérémy diese Caprice nicht nur verziehen, sondern ihn ihretwegen nur umso mehr in ihr Herz geschlossen. Bald hatte ihn halb Manaus bereits im Geist adoptiert. Freilich hielt schon Monsieur Lafontaine die Hand über ihn – und mit keinem seiner Gäste hätte er diesen Jungen, der seine Entdeckung war, über den Abend hinaus geteilt!

Es war wohl so, Jérémy hatte etwas von einem aufgehenden Stern. Als Jérémy mit Schwung die Treppenstufen hinunterkam und den im Saal wartenden Menschen sein strahlendes Lächeln schenkte, erkannten sie in ihm ein Wappentier und die Galionsfigur für eine anbrechende Zeit. Er weckte Manaus aus seiner Verschlafenheit und gab ihm das Lebensgefühl eines Phönix aus der Asche!“

Lukas musste schon wieder grinsen. Er wusste längst genau, von wem hier gerade die Rede war – einem Paradiesvogel, der einmal für Österreich den Sieg davongetragen hatte … And finally, Austria, douze points …

„Und so können wir uns lebhaft vorstellen“, fuhr Leon fort, „wie aufregend die Stimmung war, je näher der Moment der Damenwahl kam: Hinter den Fächern herrschte Krieg, welche als erste Jérémy zum Tanz auffordern durfte!

Und auch sie liebten ihn, die Waschfrauen, Köchinnen, Serviererinnen und Zimmermädchen und Gärtnerinnen, die heimlich hinter den Portieren hervorlugten, um ein wenig vom Ballgeschehen mitzubekommen. Natürlich beobachteten sie ihn heimlich auch am nächsten Tag, in der Mittagshitze, als das Leben auf der Plantage vorübergehend wieder zur Ruhe gekommen war und sich Jérémy, trotz einer kleinen Erschöpfung nach der kurzen Nacht, wieder mit seinem Zeichenblock zur Voliere begab, um sich einen schattigen Platz zu suchen und dort zu zeichnen.

Ja, dachten sie, das haben wir den feinen Damen von Manaus voraus: Sie durften ihn nur gestern, wir aber können ihn an jedem Tag sehen. So machten sie sich mittags gern auf der Veranda oder im Garten nützlich, indem sie die Korbsessel mit einem feuchten Tuch abwischten oder ein paar Blüten von den gekiesten Wegen harkten. Welch wunderbare Gelegenheit, verstohlen zu den straff gespannten Netzen der Voliere zu blinzeln – und natürlich auch zu einem Paar straff sitzender Hosen …

Und natürlich wuchs auch seine Liebe von Tag zu Tag: die von Monsieur Lafontaine. Und er begann – mit jedem Tag mehr -, sein Leben mit ihm zu teilen. Er erklärte ihm, wie ein Coq au vin zubereitet wurde, und brachte ihm das Klavierspielen bei. Abends saßen sie zusammen in ihrem Salon und Monsieur Lafontaine schenkte ihnen beiden einen Cognac ein, den er sich aus dem fernen Frankreich hatte kommen lassen; dann griff er aufs Geratewohl den einen oder anderen in feines Leder geschlagenen Band seiner Bibliothek. Blätternd erklärte er Jérémy, wovon es handelte, und überließ es dann seinem jungen Gesellschafter, das Buch – wenn er mochte – später mit auf sein Zimmer zu nehmen.

So studierten sie bald gemeinsam wissenschaftliche Bände, in denen die europäische und tropische Pflanzenwelt erklärt wurden; besonders gern aber widmeten sie sich Werken, die sich mit der mannigfachen Tierwelt in der alten und in der neuen Welt beschäftigten. Monsieur Lafontaine bewunderte Jérémys Zeichentalent und bestand darauf, dass sie seine Zeichnungen, sobald sie von der Voliere ein Gesamtbild verschafften, bald veröffentlichen sollten, um sie einem größeren Kreis zugänglich zu machen und die Wissenschaft bei der Arbeit mit Papageien zu unterstützen.

Von Monsieur Lafontaine lernte Jérémy auch das Verhalten der Papageien zu verstehen. Er erfuhr, dass Papageien oft ein Leben lang zusammenblieben, wenn sie sich gefunden hatten. Da Papageien ihren Partner nach eigenen Kriterien aussuchen, hatte sich die Zucht, die Monsieur Lafontaine anfänglich versucht hatte, als ein schwieriges Unterfangen erwiesen. Er nahm das nicht nur mit Gleichmut hin, es schien ihn in seiner Liebe zu den Vögeln nur zu bestärken. ‚Sie sind wie wir‘, sagte er zu Jérémy, während er behutsam über den Flügel des kleinen Soldaten-Ara strich, der trotz aller Versuche bisher keinen der ihm zugeführten Artgenossen zum Partner hatte wählen wollen. ‚Genau darum liebe ich sie. Das erzwungene Miteinander hat für mich keinen Reiz .‘“

Leon machte eine kurze Pause. Dann fuhr er fort:

„Jérémy lernte von ihm auch, wie man kranke Vögel behandelte. Er lernte, wie man ihnen die Krallen schnitt und wie man sie duschte, wenn es lange nicht geregnet hatte. Vor allem aber lernte er von Monsieur Lafontaine, Papageien das Sprechen zu lehren!

Kurz, die Voliere verband Monsieur Lafontaine und Jérémy mehr noch als der Kautschuk und die Manufaktur, das Klavierspiel, ihre eleganten Diners und die Bälle, die sie ab nun regelmäßig für die Gesellschaft von Manaus veranstalteten. So freute sich Monsieur Lafontaine wie ein Schulbub vor Weihnachten schon Wochen im Voraus wie die Frauen der Plantage auf den Moment, an dem er den von Jérémy für diesen Ballabend arrangierten Blumenschmuck sehen würde und erraten durfte, für welches Federkleid sich Jérémy dieses Mal entschieden hatte. War es der Hyazinth-Ara oder der Gebirgs-Ara, der auch Blaukopf-Ara genannt wird? Oder war es die Goldflügelamazone oder der Weißhaubenkakadu?

Zu dieser Zeit gab es wohl in ganz Südamerika niemanden außer ihnen beiden, der die Vogelarten ihres ständig weiterwachsenden Bestands besser auseinanderhalten konnte. Und Jérémy gab allen ihren Exemplaren Namen und konnte jeden noch so kleinen Unterschied zwischen ihnen im Schlaf hersagen! Zu der Zeit, als sie dann in der Villa in Petropolis lebten, soll er, so sagt man, jeden einzelnen Papagei von dem bloßen Anblick seiner Schwanzfeder, die hinter Blättern hervorschimmerte, wiedererkannt haben; er sah die Feder und konnte den Papageien beim Namen rufen.“

„Wie hießen sie?“, murmelte Lukas.

„Ihre Namen? Nun, Jérémy hatte ja mittlerweile viele Bücher aus der Bibliothek gelesen; in ihrem Bestand befanden sich, wie erwähnt, auch die alten Griechen, darunter auch die Heldensagen. Sie hatten es Jérémy nicht zuletzt wegen der farbigen und fein gezeichneten Abbildungen angetan. Der Band, der diese Sagen enthielt, hatte lange auf seinem Nachtisch gelegen. Es überrascht also nicht, dass in der Voliere bald der halbe trojanische Krieg vertreten war! Da gab es Hektor und Achill, Agamenon und Iphigenie, Menelaos und Paris, Priamos, Odysseus und Kassandra, Thetis und Lykomedes, Lakoon und Artemis – und natürlich auch Helena. Helena war ein seltener Hyazinth-Ara; sie stammte aus dem Pantanal. Der Hyazinth-Ara erreicht einen Meter Gesamtlänge und ist damit wohl die größte Papageienart. Sein Gefieder ist leuchtend kobaltblau und nur rund um die Augen und am unteren Schnabelansatz gelb. Es ist also selbst unter Papageien ein besonders auffälliger Vogel.

Helena war auch die erste, die jenen Satz nachsprach, den Monsieur Lafontaine immer sagte, wenn er zur Voliere ging und nachschaute, ob Jérémy nicht dort zu finden war. Monsieur Lafontaine blickte dann zu seinen Vögeln und breitete fragend die Hände aus: ‚Wo ist denn Mister Charme?‘

Das hatte sich Helena schnell gemerkt. ‚Mister Charme’, krächzte sie, sobald sie Monsieur Lafontaine erblickte, wenn er zur Voliere kam. Und Monsieur Lafontaine nickte ihr zu: ‚Ganz recht, Helena. Wo ist er denn?‘, und dann fragten sie beide einander nochmals und sagten es im Chor: ‚Wo ist denn Mister Charme?‘

Das wurde bald so oft zitiert, dass es zunächst auf der ganzen Plantage und kurze Zeit darauf in ganz Manaus zum geflügelten Wort wurde. ‚Wo ist denn Mister Charme?‘, flüsterten die Frauen hinter ihren Fächern, wenn es auf der Plantage wieder einmal einen Ball gab und Jérémy sich verspätete; da bürstete er noch ein letztes Mal über die Schultern seines Rocks, der an diesem Abend, wie die Blumen, zu Ehren Helenas kobaltblau war.

Ja, Helena war etwas Besonderes! Kamen Kautschukhändler aus Europa, namentlich aus Frankreich, und dinierten sie bei Monsieur Lafontaine, so erlaubte sich Monsieur Lafontaine schon einmal einen Scherz, indem er Helena in einem Käfig aus der Voliere in den Speisesalon bringen ließ. Natürlich wurde sie ausgiebig von den Gästen bewundert. Dieses Kobaltblau sei sublime! Ein so unglaublich großer Vogel und so schön! Wenn sie davon in Frankreich erzählten, würde man ihnen das kaum glauben! Der Vogel sei sicher eine Berühmtheit? ‚Diese Papageiendame ist tatsächlich berühmt‘, erwiderte Monsieur Lafontaine. ‚Aber seien Sie bitte bedacht, dass Sie sich von ihr nicht ins Verderben stürzen lassen. Beginnen Sie heute Abend bloß keinen Krieg!‘

Und wenn die Herren aus Paris dann etwas verdattert schauten, erklärte Monsieur Lafontaine wie beiläufig, während die Gäste Platz nahmen: ‚Sie befinden sich gerade Angesicht zu Angesicht mit Helena von Troja.’ Dann lachten alle, applaudierten und zwinkerten sich noch minutenlang zu, denn natürlich würden sie das bei ihrer Rückkehr in Paris gleich zum Besten geben. Alle entfalteten ihre Servietten und schauten erwartungsvoll zu Monsieur Lafontaine. Wollte er denn nicht das Glas heben? Es entstand eine rästelhafte Pause.

‚Wo ist denn Mister Charme?‘, krächzte Helena in diesem Moment. Und erst in diesem Augenblick betrat nun Jérémy den Saal, der es sich nicht hatte nehmen lassen, eine Terrine aus tropischen Fischen aus dem Rio Negro, die es heute zur Vorspeise gab, persönlich auf einer Platte ihres Sèvres-Porzellans herein zu bringen. Die Gäste erblickten den gutaussehenden Brasilianer – und trauten ihren Augen nicht, als dieser auf dem freien Platz neben dem Hausherrn Platz nahm. Wer war dieser Mann? Ein Tischdiener an ihrer Tafel?

‚Da ist ja Mister Charme‘, sagte dann Monsieur Lafontaine in aller Ruhe, ergriff sein Glas und prostete dann, mit der freien Hand Jérémys Schulter leicht berührend, seinen Gästen zu. „Darf ich vorstellen: Jérémy, der Leiter unserer Manufaktur. Sie kennen sich ja bereits aus der geführten Korrespondenz. – Dann lassen Sie uns beginnen! Meine Herren: Willkommen in Manaus und lassen Sie es sich bitte schmecken! An diese Terrine hat Jérémy, so weit ich weiß, persönlich Hand angelegt und ohne Ihnen zu viel zu versprechen: Wir alle werden sie sicherlich so rasch nicht vergessen.’

Derweil saß Helena in ihrem aus feinem Golddraht gewirkten Käfig und plusterte ihre Flügel. Die Gäste schauten auf den sprechenden Vogel, den Tischdiener, der sich als Leiter der Manufaktur und Meister der französischen Küche entpuppte, auf ihren Gastgeber und schließlich auf die Terrine, die ihnen auf dem schönsten Sèvres serviert wurde, das sie je gesehen hatten. Das Service wäre einem königlichen Haushalt würdig gewesen. Nein, diesen Abend würden sie tatsächlich so schnell nicht vergessen!

Natürlich erzählten sie in Frankreich bei nächster Gelegenheit diese glänzende Anekdote, und das war eben das, was Monsieur Lafontaine beabsichtigt hatte. ‚Siehst du‘, sagte er schmunzelnd, wenn er und Jérémy Helena nach dem Abend zurückbrachten und Monsieur Lafontaine die kleine Tür aus Golddraht öffnete, um sie auf seinem Finger zurück in die Voliere zu entlassen: ‚Da hatten wir dich geraubt, aber nun bist du wieder frei!‘, sagte er. Und zu Jérémy gewandt: ‚Ich glaube, unsere Vögel werden immer berühmter. Helena von Troja muss sich bald in Acht nehmen. Über unsere manauische Schönheit spricht bald tout Paris!‘ Jérémy lächelte. Monsieur Lafontaine legte seine Hand auf den Arm des jungen Mannes und fügte hinzu: ‚Wenn mich nicht alles täuscht, seid ihr beide in zwei Wochen das Tischgespräch in den Tuileries – und die halbe Pariser Damenwelt gäbe zweifellos ihr schönstes Strumpfband, um einmal Mister Charme von Nahem zu sehen.‘“

Leon machte eine kurze Pause.

„Noch sprachbegabter als Helena aber war ein Graupapagei, den sie Achill getauft hatten. Er hatte eine lange, abenteuerliche Reise hinter sich, da er nicht aus Amazonien, sondern aus Äquatorialafrika stammte und Monsieur Lafontaine und Jérémy dank ihrer Geschäftspartner über viele Umwege erreicht hatte. Achill hatte die lange Reise auf dem Schiff gemacht. Der Kapitän hatte ihn die ganze Zeit über bei sich in der Kapitänskajüte verwahrt, wussten die Geschäftsfreunde zu berichten. Der Kapitän hatte verständlicherweise große Angst gehabt, dass sein kostbarer Papagei unterwegs wegfliegen könnte – was den sicheren Tod für den wunderbaren Vogel bedeutet hätte. Offenbar hatte sich der Kapitän die langen Stunden der Überfahrt auch damit vertrieben, Achill einige Sätze beizubringen.

Und so hatte Achill von jener Überfahrt seltsame Sprüche mitgebracht, deren tieferer Sinn Jérémy viel beschäftigte. ‚Schwarzer Gesell!‘, sagte Achill gerne und reckte dabei seinen schwarzen Schnabel. ‚Na, hast du ihn wieder in schwarze Tinte getaucht‘, sagte Jérémy dann und stupste ihn mit seiner Zeichenfeder am Schnabel. Dann begann er mit einem schalkhaften Lächeln um die Lippen, Achill zu zeichnen. ‚Tja, so ist das mit Tinte, Achill‘, bestätigte er, während seine Zeichenfeder strichelte. ‚Sie macht furchtbare Flecken. Aber mach dir nichts draus, wir alle tragen welche; und lieber ein schwarzer Schnabel als dunkle Flecken im Herzen.‘

‚Schwarzer Gesell!‘, wiederholte Achill zufrieden, und scharrte mit den Krallen auf seinem Ast.

Ein weiterer Spruch, den Achill von jenem Kapitän mitgebracht haben musste, hieß: ‚Mann muss aufs Meer!‘

Einmal stand Jérémy an den Ufern des Rio Negro, als ihm dieser Satz von Achill durch den Sinn ging. Das Meer war blau, der Himmel weit und ein wenig verspürte auch Jérémy Fernweh. Wie sahen wohl jene Lavendelfelder aus, von denen Monsieur Lafontaine erzählt hatte? Er war noch nie in Europa gewesen, dem Land, aus dem jenes wunderschöne Sèvres-Porzellan stammte, mit dessen Motiven er sich das Zeichnen beigebracht hatte. Das Land, in dem die Rezepte entstanden waren, die ihm Monsieur Lafontaine beigebracht hatte und mit denen sie hier, mitten im Regenwald, kochten. Europa: der Kontinent, in dem das Klavierspiel erfunden worden war!

Er hatte auch nie gesehen, wie sein Kautschuk in Europa entladen wurde. Er wäre gern einmal, und sei es auch nur für einen Tag, dabei gewesen, wenn dieser verarbeitet wurde. Er hätte gern die Bauern und Bäuerinnen besucht, die in den dort gefertigten Gummistiefeln über ihre Höfe liefen.

Als er das nächste Mal bei der Voliere saß und die Zeichnung von Achill vollendete, schien dieser nur auf die Gelegenheit gewartet zu haben. ‚Mann muss aufs Meer!‘, rief Achill.

‚Aber das Meer ist gefährlich‘, antwortete ihm Jérémy. ‚Hast du das auch bedacht, Achill? Dein Schiff hätte in einen Sturm geraten und kentern können. Und es gibt auch schlimme Piraten, von denen man hört… also warum sollten wir fort von hier? Wo könnte es schöner sein als bei uns?‘ 

‚Mann muss aufs Meer!‘, blieb Achill bei seiner Meinung. ‚Du bist und bleibst ein Dickkopf‘, sagte Jérémy. ‚Bist eben ein schwarzer Gesell, ja das bist du!‘

Wenn Jérémy darüber nachdachte, ob er auf der Plantage bleiben oder hinaus aufs Meer sollte, dachte er an Monsieur Lafontaine. Wie konnte er ihn im Stich lassen, nach allem, was er für ihn getan hatte? Und lebte er nicht tatsächlich im Paradies? Monsieur Lafontaine zahlte ihm ein üppiges Gehalt, dabei brauchte Jérémy das Geld nicht einmal. Er bewohnte zwei großzügige Zimmer im Obergeschoss des Herrenhauses, die auf den Garten und seine geliebte Voliere hinausgingen. Selbstverständlich konnte er auch alle weiteren Räume jederzeit benutzen; im Grunde war dieses Haus mittlerweile ebenso gut sein Haus geworden wie es das von Monsieur Lafontaine war. Jérémy verspürte kein Bedürfnis, selbst etwas zu besitzen. Er wollte sein Leben mit denen teilen, die er liebte, und nirgendwo war er seinen Vögeln näher als hier.

Und doch überkam Jérémy in seltenen Momenten ein Anflug von Melancholie. Dann saß er vor der Voliere und sprach zu jenem kleinen Soldaten-Ara, den er zu allererst gezeichnet hatte. ‚Was machen wir nur mit Euch, Hektor? Wir halten Euch in einem Käfig. Sicher, die Voliere ist groß, aber im Grunde bedeutet sie Gefangenschaft. Und ich? Ich sitze hier wie ihr in der Voliere. Ja, Hektor, ich bin wie du! Achill würde sagen: ‚Mann muss aufs Meer!’, gewiss – aber wer schmückt dann das Haus für den nächsten Ball und tanzt mit den Damen? Und was wird aus der Manufaktur? Aber vor allem: Was würde aus euch? Wer zeichnet euch? Was macht Monsieur Lafontaine, wenn wir ihm alle entfliegen?‘ Seine Zeichenfeder strichelte und Jérémy schüttelte langsam den Kopf. ‚Über dem Meer würdet ihr sterben, Hektor. Schau, hier habt ihr alles, was ihr braucht …’

Er gab Hektor frische Zweige und als er sah, wie ungeduldig der an ihnen knabberte, dachte er im Stillen: ‚Ich weiß, wo du hinfliegen würdest. Du würdest in den Regenwald fliegen und nach dem Partner suchen, den du bei uns nie gefunden hast.‘ Aber das sagte er Hektor nicht.“

Leon machte eine kleine Pause und drehte mit seiner Hand Lukas’ Kopf, so dass er mit seinem Finger über Lukas’ Lippen streichen konnte. Lukas biss zu.

„Hey!“, sagte Leon.

„Papageien können auch schon mal beißen”, murmelte Lukas, Leons Finger zwischen den Zähnen.

„Ja, dafür sind sie tatsächlich bekannt. Auf der Plantage war auch nie erlaubt, sie im Haus fliegen zu lassen. Ich glaube, Monsieur Lafontaine war zu Recht in Sorge um seine schönen Möbel.“

„Monsieur Lafontaine und Jérémy haben alles miteinander geteilt, sagst du …“ Lukas ließ Leons Finger nicht los und hob bei der Frage auch nicht die Stimme.

„Ja, das kann man so sagen.“

„Auch die Nächte”, fragte Lukas. Wieder hob er nicht die Stimme; es klang fast wie eine Feststellung.

„Ich nehme es an, Lukas! Aber wenn es so war, so haben sie mit Dritten nie darüber gesprochen, und ich weiß es also nicht. Was wir wissen ist, dass Jérémy sicherlich von Freiheit geträumt hat. Andererseits liebte er seine Vögel und fürchtete den Tag, an dem er sie verlieren könnte. Er wusste also, dass Freiheit immer auch Verlust für den anderen bedeutet. Vielleicht fühlte er sich bei Monsieur Lafontaine auch geborgen und beschützt. So wie er seine Vögel beschützen wollte, vor den Gefahren, die auf dem offenen Meer auf sie gelauert hätten …“

Sie schwiegen einen Moment.

„Kurz, Jérémy blieb”, fuhr Leon fort. „Und so kam der Tag, an dem Monsieur Lafontaine ihm mitteilte, dass er beabsichtige, ein Haus in Petropolis zu bauen. Ein Haus, noch schöner als ihre Plantage auf Manaus. Mit einer Voliere, die noch größer und prächtiger werden sollte als ihre jetzige am Rio Negro! Und dass er die meiste Zeit des Jahres dort verbringen wolle. ‚Es ist kühl dort oben in den Bergen‘, sagte er zu Jérémy. ‚Diese Hitze am Amazonas macht mir zunehmend zu schaffen.’

Sie saßen unter einem großen Sonnenschirm bei der Voliere und tranken Schokolade aus brasilianischem Kakao in den schimmernden dünnen Tassen ihres Sèvres-Porzellans.

‚Wir könnten uns versierte Hände für die Plantage suchen. Ich habe das schon einmal getan, wie du weißt’, lächelte Monsieur Lafontaine. ‚Und ich habe dabei die Erfahrung gemacht: Es war nicht zu meinem Schaden. Und auch nicht zu deinem.’

Hinter der Voliere scharrte Helena auf ihrem Ast. Monsieur Lafontaine sah in seine Tasse und sprach weiter, ohne Jérémy anzusehen. ‚Du kannst aber natürlich auch hierbleiben, wenn du das möchtest. Du bist hier geboren und deine Familie ist hier zuhause. Wenn es das ist, was für dich zählt, dann bin ich dir nicht im Wege. ‘

Jérémy nickte. ‚Ich glaube, es ist heute besonders schwül, Pierre. Die Luft bekommt dir nicht, das sehe ich. Kann ich dir etwas Gutes tun?‘ ‚Ach, nur ein Glas Wasser‘, antwortete dieser. ‚Ja, es ist wirklich heiß heute.‘

Monsieur Lafontaine wollte einem in der Nähe stehenden Diener ein Zeichen geben, aber Jérémy legte seine Hand auf seinen Arm. ‚Ich hole das Wasser‘, sagte er.

Als er zur Voliere zurückkam und Helena ihn erblickte, krächzte sie: ‚Wo ist denn Mister Charme?‘ Und diesmal war es Jérémy selbst, der antwortete. Er schenkte Monsieur Lafontaine und sich Wasser ein; dann setzte er sich. ‚Da ist Mister Charme‘, sagte er. ‚Achill will, glaube ich, aufs Meer’, fügte er zu Monsieur Lafontaine gewandt hinzu und lächelte. ‚Er ist eben ein furchtbarer Dickkopf, aber vielleicht wird es ihm in den Bergen am Ende doch gut gefallen. Lass mich mal mit ihm reden. ‘

Dann schauten sie beide gemeinsam in stillem Einvernehmen auf ihre Voliere. ‚Und du, Helena, kommst auch mit‘, sagte Jérémy.

Und so geschah es. Sie packten ihre Koffer und siedelten mitsamt ihren Vögeln über nach Petropolis. Und wie es dort weiterging, das habe ich dir schon erzählt.

Die Villa wurde tatsächlich noch schöner als das Herrenhaus der Plantage und die Voliere von Petropolis wurde über alle Maße berühmt. Monsieur Lafontaine und Jérémy gaben weiterhin Klavierkonzerte und edle Diners. Jérémy zeichnete weiter Papageien und seine Sammlung wurde in einer für die damalige Zeit beachtlichen Auflage herausgegeben. Seine Vogelzeichnungen waren sehr authentisch in den schönsten Regenbogenfarben koloriert – und alle Striche so pinselhaarfein wiedergegeben, dass man noch jedes Brustfederhaar erkennen konnte. Natürlich erregte diese Zeichenblätter-Sammlung das Interesse der gesamten wissenschaftlichen Welt.

Die Damen von Petropolis spazierten mit sehnsüchtigen Blicken am Stadtkanal entlang und führten bei den Bällen, die in der Villa veranstaltet wurden, hinter ihren Fächern Krieg, welche als erste Jérémy zum Tanz auffordern durfte. Jérémy war zu dieser Zeit nicht mehr ganz so jung wie in jenen ersten Tagen in Manaus, aber noch immer ein sehr gutaussehender Mann und unverändert begnadeter Tänzer.

Der Kaiser ließ seinen Küchenchef kommen und klopfte mit dem Silberlöffel gegen sein Glas, damit man ihm von jenem kühlen Chablis nachschenke, den es neulich bei Monsieur Lafontaine gegeben hatte; in dem Zusammenhang war auch von einer vorzüglichen Fischterrine die Rede, die in der Villa gereicht worden sei und von der seither die ganze Stadt sprach. ‚Ich will’s so haben wie beim Lafontaine‘, rief er, und der Küchenchef nickte.

Derweil saß Jérémy bei der Voliere und lehrte den alten Achill ihr neues Zuhause. ‚Petropolis!‘, sagte er zu ihm. Immer und immer wieder wiederholte es Jérémy, aber Achill blieb ein schwarzer Gesell und stumm. Er war eben ein Dickkopf, und wenn er nicht wollte, dann eben nicht. Vielleicht wäre er ja doch lieber am Amazonas geblieben. Aber dann geschah etwas Unerwartetes.

Es war an einem Abend, als Monsieur Lafontaine und Jérémy das erste Mal Besuch aus Manaus erhielten. Ihr Besuch erinnerte sich an die Vögel, insbesondere an den sprachbegabten Achill und die schöne Helena. So holten Monsieur Lafontaine und Jérémy die beiden in zwei Käfigen ins Haus. Als sie ihre Gäste begrüßt hatten und alle sich setzten, wusste Helena, dass nun sie an der Reihe war.

‚Wo ist denn Mister Charme?‘, krächzte sie. Und da geschah es; wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort von Achill: ‚Petropolis! ‘

Alle lachten und die Freunde aus Manaus schüttelten den Kopf, während sie zum Prost ihrer Gastgeber die Gläser klirren ließen. ‚Das war nicht recht, dass Ihr uns im Stich gelassen habt. Manaus vermisst Euch an jedem Tag! ‘

‚Mann muss aufs Meer‘, sagte in dem Moment Achill. Da drohte ihm Jérémy schalkhaft mit dem Silberlöffel: ‚Nun gib aber Acht, was du sagst! Wo könntest du es denn schöner haben als hier bei uns?‘

Und so vergingen sie, die heiteren Tage von Petropolis; bald wurden aus den Tagen Jahre. Und so kommen wir nun bald auch schon an das Ende unserer Geschichte.“

Lukas wühlte den Kopf in Leons Achselhöhle. Er wusste nicht, ob er das Ende wissen wollte – warum konnte in dieser Geschichte nicht alles für immer so bleiben, wie es war.

„Wie man nachlesen kann, endete der Kautschukboom am Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Villa von Monsieur Lafontaine in Petropolis verfiel, bis sie vor wenigen Jahren von einem findigen Investor entdeckt wurde, der sie kaufte und von Grund auf restaurierte. Heute dient sie als Schule für Fremdsprachen und genießt dabei einen sehr guten Ruf. Ich finde, das passt doch gut zu diesem Haus, meinst du nicht? Wenn man bedenkt, wie viel Zeit Jérémy in ihrem Garten damit verbracht hat, Achill, Hektor, Helena und den anderen Vögeln das Sprechen beizubringen …“

„Was wurde aus den Menschen?”, murmelte Lukas.

„Nun, Kaiser Pedro II., der mit Monsieur Lafontaine und Jérémy die Liebe zu den alten Griechen teilte, reiste 1876 nach Mykene und besuchte Heinrich Schliemann bei seinen Ausgrabungen. Auch seine Liebe zur Musik blieb ungebrochen und das Geigenspiel strömte weiter durch die Flügeltüren in seinen kaiserlichen Garten; übrigens unterstützte Pedro II. auch den Bau des Bayreuther Festspielhauses.

Seine Regierungsjahre galten als glückliche Jahre der brasilianischen Geschichte. Aber die wachsende republikanische Bewegung und schließlich die Sklavenbefreiung, die die Großgrundbesitzer gegen die Krone aufbrachte, führten zum Sturz der Monarchie. 1889 riefen die Generäle die Republik aus. Pedro ging mit seiner Familie ins französische Exil, wo er wenige Jahre später starb.“

Leon machte eine kurze Pause.

„Aber natürlich hast du vor allem nach Monsieur Lafontaine und Jérémy gefragt. Zumindest bei Monsieur Lafontaine wissen wir mit Sicherheit, dass er den Sturz Pedros des II. nicht mehr erlebt hat. Er war zwanzig Jahre älter als Jérémy. Er hatte noch immer einen Traum und es kam der Tag, an dem er wusste, dass er ihn sich lieber bald denn nie erfüllen sollte. Einmal im Leben wollte er das Land seiner Väter wiedersehen – die lavendelfarbenen Felder der Provence, wenn sie im Mai in Blüte stehen.“ Leon strich mit seiner Hand langsam über Lukas’ Nacken. „Bevor er abreiste, überschrieb er Jérémy die Plantage mitsamt Manufaktur in Manaus wie auch ihr Haus in Petropolis. An dem Abend, bevor er die Kutsche nach Rio nahm, um sich dort einzuschiffen, saßen sie im Salon und Monsieur Lafontaine schenkte ihnen beiden einen Cognac ein. Die Flügeltüren standen offen und der Nachthimmel senkte ihren tropischen Garten in ein tiefblaues Meer. Die blauen Nachtschatten tanzten in gemächlichen Drehungen, wie bei einem langsamen Walzer, über die ledernen Buchrücken der griechischen Heldensagen und weiteren Bände ihrer Bibliothek, die ihr Leben in den letzten Jahrzehnten begleitet hatten. Auf einem kleinen Tisch neben den Flügeltüren, die zum Garten führten, saß Helena auf einem Ast in dem goldenen Käfig, und das Kobaltblau ihres Gefieders verschmolz mit dem blauen Nachhimmel. Freilich war sie nun eine sehr alte Dame, aber noch immer schön.

‚Wann kommst du zurück‘, fragte Jérémy, ohne die Stimme zu heben.

‚Ich kann es dir nicht sagen. Ich denke, ich werde mindestens ein Vierteljahr in Frankreich bleiben.‘ Sie nippten an ihrem Cognac.

‚Es tut gut zu wissen, dass du bei den Vögeln bleibst‘, sagte Monsieur Lafontaine. ‚Ja, einer muss hier nach dem Rechten sehen‘, antwortete Jérémy. Er legte seine Hand auf den Arm von Monsieur Lafontaine. ‚Mach dir bitte keine Sorgen, Pierre.‘

Sie schwiegen einen Moment.

‚Keiner hat mich je so gut gekannt wie du‘, sagte dann Monsieur Lafontaine zu Jérémy.

‚Und keiner hat mich je so gut gekannt wie du‘, antwortete ihm Jérémy.

Sie freuten sich, wie dieser Satz, mit dem Klang der Stimme des anderen, durch die Nachtluft in den Garten schwebte, und lauschten seinem Nachhall in ihren Ohren und Herzen. Die wichtigsten Sätze, die das Leben schreibt, benötigen keinen neuen Wortlaut. Das wussten beide, die sie ihr Leben mit Papageien geteilt hatten.

‚Deine Zeichnungen‘, sagte Monsieur Lafontaine und deutete auf die Blätter auf dem Schreibtisch. ‚Versprich mir, dass du nicht aufhörst zu zeichnen. Es gibt noch so vieles, das du zeichnen kannst. Du hast solch ein Talent.‘

Jérémy nickte. Er wollte etwas sagen, aber er konnte nicht.

Dann holte Monsieur Lafontaine einen Schlüssel aus seiner Hosentasche. Es war der Schlüssel zu der Voliere, den Monsieur Lafontaine über all die Jahre benutzt hatte. Der Schlüssel trug einen kleinen Anhänger mit einem goldenen Papagei. Vorderseite und Rückseite des Vogels waren kunstvoll mit grünen und roten Edelsteinen besetzt. Er erinnerte so ein wenig an Hektor, den kleinen Soldaten-Ara: jenen Vogel, den Jérémy zu allererst gezeichnet hatte.

‚Ich habe dir die Plantage und das Haus überschrieben. Sie gehören nun dir, wie unsere Voliere. Nimm bitte den Schlüssel.‘ Monsieur Lafontaine räusperte sich. ‚Wenn du von hier fortwillst – du bist frei und kannst auch die Vögel mitnehmen. Oder schließe damit die Voliere auf – und lass die Tür offen.‘

Dann glitt sein Blick in den Garten, hinaus in den Nachtwald. ‚Du weißt ja: Sie haben ihren eigenen Kopf.‘

Jérémy nahm den Schlüssel und schaute Monsieur Lafontaine mit seinen warmen, braunen Augen an. Sein Blick war unergründlich; schon einmal in seinem Leben hatten seine Augen diesen Blick gehabt – an dem Tag, als sie damals zum ersten Mal in Manaus der Voliere begegnet waren. An einem heißen Sommertag, wenige Minuten nachdem ihm ein aus Frankreich stammender Plantagenbesitzer die Schulden erlassen und ihn aufgefordert hatte, sich am nächsten Morgen bei ihm zu melden.

Jérémys Finger hat sanft über den kleinen goldenen Papageien-Anhänger gestrichen, wie über eine schillernde Schwanzfeder. Dabei hat er abwechselnd den Kopf geschüttelt und gleichzeitig genickt. Dabei standen in seinen schönen Augen zwei Tränen, die langsam die cappuccinobraune Haut seiner Wangen hinunterliefen.“

Lukas hob den Kopf. „Und das ist das Ende?“, flüsterte er.

„Das ist das Ende.“

„Ist Monsieur Lafontaine je nach Petropolis zurückgekehrt?“

„Das weiß ich nicht. Möglicherweise steht sein Grab in Frankreich und der Wind erzählt seine Geschichte, wenn er wogend über die Lavendelfelder streicht. Aber vielleicht ist er auch nach Brasilien zurückgekehrt.“

„Und dann wissen wir auch nicht, was aus Jérémy wurde? Hat er auf ihn gewartet? Oder hat er in jener Nacht die Vögel frei gelassen, Leon?“

Leon strich ihm über die verwuschelten Haare. „Das kann niemand sagen, mein Mister Charme. Das wissen nur Jérémy und die Papageien von Monsieur Lafontaine.“

Dann schliefen sie beide, fest aneinandergekuschelt, ein.

 

Lust auf mehr?

Schneefeuerball, ein Roman von Reinhard Schultze
Schneefeuerball, ein Roman von Reinhard Schultze

Der Debütroman Schneefeuerball von Reinhard Schultze ist überall im stationären Buchhandel als Hardcover erhältlich, ebenso als ebook auf den üblichen Portalen. Direkt und schnell können Sie den Roman Schneefeuerball hier bestellen:

Diesen Beitrag teilen